Freitag, 18. März 2016













Die seltsamen Ansichten eines Turmmännleins
Aufgezeigt von Hans-Jürgen Heyne

Nach den in der regionalen Presse unternommenen Wahlanalysen von Leserbriefschreibern und Journalisten überlässt das Turmmännchen die Interpretation der Ergebnisse euch Bürgern“. So geschrieben in der großen Heimatjournaille vom 16. März 2016. In der nächsten Zeile hat das Männlein sofort mit einer eigenen Interpretation (Predigt) weitergemacht. Das ist eine sofortige Kehrtwendung der vorherigen schriftlichen Aussage. Diese Wendehalspraktiken des Männleins könnten den Seligenstädter Politikern zu Ruhme gereichen. Haben doch die "richtigen Stadtverordneten" jetzt einen neuen wahrhaftigen "Wendehals" in ihren Reihen bergüßen können.



Weiterhin kann gelesen werden das die Bürger im „westlichen Stadtteil Froschhausen“ alle richtig gewählt hätten. Aus welcher Sicht sieht das Männlein auf dem Turm ein Wahlergebnis als richtig an? Damit haben also alle Bürger die eine „Hausmarken-CDU“ gewählt haben, richtig gewählt. Die Bürger die in diesem westlichen Stadtteil eine andere demokratische Partei gewählt haben, das sind dann alles Deppen und haben verkehrt gewählt, laut dem Turmmännlein seiner Textaussage. Das grenzt an eine Diffamierung der anderen demokratischen Wähler in Seligenstadt und ist eine zweifelhafte Interpretation des Wahlausganges. Auch in der Kernstadt müssen dem Männlein zur Folge viele Deppen zur Wahl gegangen sein, und haben alle verkehrt gewählt. Die Wähler hätten sich alle ein Beispiel an dem westlichen Stadtteil Froschhausen nehmen sollen. Ob alles richtig ist was aus dem politischen Froschhausen kommt soll bitte der Wähler selbst entscheiden. Auch zu entscheiden, was richtig oder falsch sein soll, dafür benötigen wir kein Männlein auf dem Turm.
 

Im weiteren wird ein in Seligenstadt gebürtiger Parteienforscher mit einem früheren Vortrag über das Wahlverhalten im Ort, groß in dieser Heimat-Glosse herausgeputzt:
 



Zeichnung und Copyright: Hans-Jürgen Heyne


"Von der Kaiserzeit bis zur Jahrtausendwende haben die Seligenstädter Bürger immer die politische Mitte mit großen Mehrheiten ausgestattet und hätten die großen Volksparteien gewählt". So die Aussage des Parteienforschers in der Heimatjournaille.
 

Und dazu meint das Männlein: „Zum Glück könnte man sagen und hoffentlich bleibt das so“. Und weiter meint das Männlein: „Die Beispiele vergleichbarer Städte im Kreis zeigen, der Aderlass für das bürgerliche Lager wäre auch hier wohl noch größer gewesen, hätte die AfD kandidiert“. Da könnte das Männlein recht haben. Zetzt muss das Männlein aber wirklich gefragt werden, wie diese Aussage gemeint ist? Werden damit demokratische Wähler anderer Parteien dem Aderlass am bürgerlichen Lager in Seligenstadt beschuldigt, die nicht die CDU gewählt haben? Selbst dieser kleine Wicht auf dem Turm hat doch tatsächlich die erstarkte AfD entdeckt und meint, er müsse sie gleich von da oben bekämpfen.

Zu der Aussage des Parteienforschers: „Von der Kaiserzeit und so weiter ...“, noch ein Einwand. Nach Meinung des Forschers war es demnach damals auch richtig, das die Seligenstädter Bürger zwischen 1933-1945 die Große Volkspartei der Mitte, die NSDAP gewählt haben und mit großen Mehrheiten ausgestattet haben. So ist doch die Ausage des Professors zu verstehen. Oder hat das Männlein die Aussage des Parteiexperten etwas geschönt? In Seligenstadt hat man schon immer gerne gejubelt, damals war es halt das HEIL-HITLER-JUBELN. Auch diese speziellen Wahlen waren doch wirklich in dieser Zeitspanne die vom Parteien-Professor angegeben wird, vom Kaiserreich bis zur Jahrtausendwende. Hat der Parteienforscher auch das braune Kapitel in seinem Vortrag behandelt? Es ist vom Männlein leider nicht überliefert worden. Das beschauliche Städtchen war in dieser Zeit eine braune Hochburg, das ist überall bekannt. Der Abschnitt der braunen Geschichte wird in Seligenstadt zu gerne ausgeklammert. Auch damals will es wieder keiner gewesen sein. Wer hat denn die Nazis gewählt? Niemand war es, aber bei dem Synagogen abbrennen waren sie alle wieder vorne mit dabei. Eine schöne bürgerliche und etablierte Gesellschaft war das damals in unserem Heilen Städtchen, wobei das mit dem „Heil“ etwas später Geschichte geworden ist. Nach Kriegsende wollten diese braunen Figuren wieder etabliert sein und haben ganz schnell das braune Mäntelchen ausgezogen. Einige sollen sich schwarze Jacken darüber gehängt haben und wurden bürgerlich. Nun war plötzlich alles wieder in Ordnung im neu erwachten  beschaulichen Seligenstadt am Main. Daher kam wahrscheinlich der schöne Spruch: "Deutschland erwache", oder so.

Wer oder was ist eigentlich das bürgerliche Lager von dem immer gesprochen oder geschrieben wird? Da gibt es nur eine Erklärung, das sind die bekannten großen Parteien, die eine verfehlte Politik betrieben und alles in den Sand gesetzt haben. Dadurch ist diese böse Partei AfD erst so stark geworden. Könnte sein das wir in Seligenstadt auch noch eine AfD wählen dürfen, es dauert noch ein kleines Weilchen. Dann müssen sich die bürgerlichen und etablierten Parteien aber warm anziehen. Das wird natürlich dem Turmmännlein da oben nicht so rechts gefallen. Noch eine Frage an das Männlein auf dem Turm. Gehören die Seligenstädter FDP- und FWS Wähler ebenfalls zu den „Deppen“ die den „Seligenstädter Aderlass“ unserer bürgerlichen Parteien mit zu verantworten haben? So könnte die Aussage des Männleins gedeutet werden.

Es ist leider nicht bekannt, wer den Text des Turmmännleins immer gestaltet. Es wäre aber schön wenn die Seligenstädter Bürger wüssten wer der Verursacher der Texte wäre. Bei Leserbriefen wird immer darauf hingewiesen das anonyme Texte nicht veröffentlicht werden. Warum darf Männlein anonym bleiben?
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Noch ein kleiner Nachtrag zur Seligenstädter Geschichte.

Entlang der historischen Stadtmauer am Main, kommt man zu den Resten des Palatiums, der staufischen Kaiserpfalz, die Kaiser Friedrich Barbarossa Ende des 12. Jahrhunderts errichtet haben soll. Nach dem Niedergang der Staufer diente das „rote Schloss“ den Bürgern als Steinbruch für andere Bauwerke, lediglich die Ostfassade überdauerte, da sie in die spätere Stadtmauer integriert wurde.

Die historische Ruine der Kaiserpfalz am Main wurde nach 1938 restauriert. Was selten erwähnt wird ist die Tatsache das der Umbau, wie wir ihn heute bewundern dürfen von den damaligen Führungskräften der Nazi-Verwaltung in unserem Städtchen veranlasst wurde. Das ist in dieser Form nichts ehrenrühriges, war es doch ein historisches Gebäude. Der sogenannte Wiederaufbau des Palatiums, diente allerdings fortan den beliebten Naziaufmärschen die in diesem Umfeld veranstaltet wurden. Aus dieser Zeit gibt es noch ein paar Bilder, mit viel Fahnenschmuck am Palatium, herrlich an zu schauen. Das wird allerdings etwas verheimlicht im Städtchen. Jedenfalls sieht man aus dieser Epoche wenig Bildmaterial im Umlauf. Das passt nicht in diese, unsere HEILE WELT. Von den "Heimatverbundenen-Geschichtspflegern" wird diese geschichtsträchtige braune Episode gerne ausgeklammert, nach dem Motto: "Seligenstadt war ein sauberes Städtchen" (hj)
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Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.

(Bertold Brecht)
 


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